–––––

Wirklichkeit - unser unverlässliches Märchen

«Ich habe das, was man Wirklichkeit nennt, auf meine Weise geträumt, das Geträumte in Worte verwandelt und meine geträumte Wortwirklichkeit der Welt hinausgeschickt.»

Rose Ausländer

–––––

Wirklichkeit ist nicht fassbar. Wie ein Märchen enthält sie das Schreckliche und das Wunderbare, das mögliche Schreckliche und das ersehnte Wunderbare zugleich.

Täglich werden von dieser Wirklichkeit massenweise Bilder hergestellt, mit denen wir beworben, informiert, konfrontiert werden. Ein Bild verdrängt das andere, die Überdosis an Bildern wird zur Norm.
Das Fernsehen steht als Medium symbolisch für diese Überflutung durch Eindrücke.

Fernseher – TV – Flimmerkiste, Bildschirm, Mattscheibe, Fenster zur Welt.

Ich sehe auf der Mattscheibe die für mich vor-gesehene Ferne als Wirklichkeit der Programm-Macher und ich bin gefragt, wie ich mich zur Vorsehung stelle.

Was ich in der Ferne sehe, mit welchem Einkaufswagen ich im Shoppingcenter einzukaufen träume und welches Lied dabei erklingt, ist hier in dieser Ausstellung erstmalig zu sehen. Man sieht mich in Erstausstrahlung vor dem Fernseher sitzen, den Fotoapparat im Anschlag. Ich versenke mich mit hellwachem Auge in den flimmernden Grund, halte im Widerstand gegen die Betäubung der Seele Bilder an. Die Menschen und Dinge, die auftauchen, erinnern sich daran, in meinem Traum zu existieren. Fliehend und geborgen, fliegend und stürzend, gefährdet, ausgesetzt, durchsichtig, feingliedrig, verlassen.
barfuss. verletzbar.
Flüchtiger Vogel-Flügel-Klang. Zum Stillstand gebrachte Atemlosigkeit.

Aus dem Echo, das die ins Innere dringenden Bilder im ungeschützten Selbst auslösen, kehrt die Schwingung in traumähnlichen Szenarien zurück. Ich löse das Versprechen Fern-Sehen neu ein, um die Unabsehbarkeit und Obdachlosigkeit der fremden Wirklichkeit wieder in etwas Heimatliches zu verwandeln, in meine Wirklichkeit der vor-gesehenen, vor-gemachten Fernsehwirklichkeit. Wirklichkeit der Wirklichkeit der Wirklichkeit.