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Ein Kommissar mit Imagination

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Der Momentphotograph und Kaffeeliterat Peter Altenberg, der heute in Wien versteinert vor dem Café Central am Marmortischchen hockt, ein Dekonstrukteur sondergleichen. Das Café Central war sein Stammcafé, hier suchte er Zuflucht vor den Schrecken ungestörter Zweisamkeit, hierher kam er jeweils aus der Nervenheilanstalt wieder nach Hause, hier entwarf er jene strengen Regeln, die seinem Freundeskreis verboten, ihm die Freundin auszuspannen und Karl Kraus dazu bewogen, sich in seiner Grabrede mit den Worten: „Du Narr, der uns Normen gab“ von Altenberg zu verabschieden.

Altenberg, der in seinem Hotelzimmer eine Maus entdeckte und dies dem Kellner anderntags berichtete. „Wo denken’s denn hin, bei uns gibt’s keine Mäus“, kriegt er Bescheid. Worauf er sich eine Mausefalle kaufen geht und in der Nacht auch prompt die Maus fängt. Er verzichtet aber nach einigem Nachdenken darauf, diese vorzuweisen. Lieber will er für einen Spinner gehalten werden, der mit einer Flasche Slivovic, ein paar Socken zum Wechseln, ohne Gepäck in ein Hotelzimmer zieht und Mäuse sieht, als für einen Besserwisser.

Wenn Altenberg in tiefer Nacht das Caféhaus verliess, das um drei Uhr geschlossen wurde, und einen der nahen Plätze, den Hof, den Graben oder die Freyung erreichte, dann pflegte er den Mantel auszubreiten und in seltsamen Kurven über den Platz zu schweben. Wenn ein Wachmann auf die Erscheinung aufmerksam gemacht wurde, dann erwiderte dieser gelassen: „Das ist nur der Herr Altenberg, der verruckte Dichter, der fliegt!“ Altenberg war überzeugt, dass der Mensch auf diese Weise zum Fluge gelangen könnte. Das Gefühl des Fliegens hatte er bereits erreicht, der kleine Schritt bis zur Erhebung vom Erdboden war noch zu machen. Wiederholt war er dabei angehalten und auf die Wache gebracht worden, bis ein vernünftiger Kommissar ihm eine „Fluglizenz“ ausstellte, die ab zwei Uhr nachts gültig war. Ein Kommissar mit Imagination.